Noosphäre revisited
24. Juni 2009 von Peter
Manchmal ist es schon lustig durch seine Referer zu schauen. Da kommt nämlich jemand von Telepolis zu mir. Und tatsächlich, vor mittlerweile sieben Jahren (2002) habe ich im DiplomandInnen Seminar von Frank Hartmann ein Referat zum Konzept der Noosphäre bei Teilhard de Chardin gehalten. Eine Art Abstract des Referats ist online. Dieses hat wohl der Autor des Telepolis Artikels Gottes Geist in der Noosphäre gefunden und verlinkt. Das war im November 2008. Von da an hat es nur mehr ein halbes Jahr gedauert, bis auch ich das mitbekommen habe. Vielleicht sollte ich mein Online Reputation Management überdenken
Die Noosphäre wurde auch von der Esoterik schnell aufgegriffen. Peter Steinberger behauptet sogar in Das Konzept der Noosphäre, der Begriff sei zum Zentralbegriff der Esoterik der Digitalnetze geworden.
Cool, so normativ wie das hier steht könnte man glauben, dass der Text mindestens ein Buch ist und meine Behauptung quasi das Extrakt einer ausführlichen Auseinandersetzung. Dabei ist es eigentlich nur der letzte Satz des Abstracts und irgendwie fühle ich mich falsch verstanden. Ich schrieb:
McLuhan hat sich der Idee der Noosphäre angenommen, passt es doch sehr gut in sein Konzept Technik und Gesellschaft zusammen zu denken. Er nahm das theologische Konzept von Teilhard de Chardin auf und enttheologisierte es. Als Schlüsselfigur der Medientheorie verhalf er besonders dem Begriff der “Noosphäre” zu einer großen Verbreitung bei den Theoretikern und Praktikern der Virtual Reality. McLuhan spricht selbst von einer “kosmische[n] Membran, die sich durch die elektrische Erweiterung unserer verschiedenen Sinne rund um den Globus gelegt hat. Diese Hinausstellung unserer Sinne schuf das, was Teilhard de Chardin die “Noosphäre” nennt: ein technisches Gehirn für die Welt.”
Von diesem Transfer McLuhans ausgehend scheint nun der Begriff in der Digitalszene rezipiert worden zu sein, ohne die theologische Herkunft noch mitzutransportieren. “Noosphere” ist so zum Zentralbegriff der Esoterik der Digitalnetze geworden.
Und wenn ich mir das McLuhan Zitat in Bezug auf Facebook, Twitter und Co. ansehe, dann ist der Begriff Noosphäre wohl genau so out and dated wie Virtual Reality, das Konzept dahinter, vielleicht würde man es heute eher als Emergenz beschreiben, aber durchaus aktuell und mit Verlaub, weitaus weniger esoterisch als 2002. Aber was heißt esoterisch in dem Zusammenhang überhaupt? Ich meinte nämlich nicht, dass die Esoteriker (Wünschelrutengänger, Energieflusstherapeuten etc.) mit Homepage sich den Begriff unter den Nagel gerissen hätten, wie das erste Zitat, bzw. der Telelpolis Text in dem es weitgehend um die katholische Kirche im Internet geht, nahelegt. Vielmehr wollte ich darauf hinaus, dass es 2002 einige esoterisch anmutende Erklärungen zum Phänomen Internet gibt und dass sich in vielen dieser Erklärungsansätze das weitgehend enttheologisierte Konzept der Noosphäre wiederfindet.
