Verabschiedung vom Gleichgewicht?
5. März 2009 von Peter
Wer durch die Wirtschaftsteile der Tagespresse und Magazine blättert und liest, wird immer wieder auf Aussagen stoßen, dass die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise keinen Stein auf dem Anderen lassen wird. Alles wird sich verändern müssen. Viele diesbezügliche Argumente sind seit mindestens zehn Jahren immer wieder im Gespräch, im letzten halben Jahr aber massiv verstärkt.
Jetzt befinden wir uns nicht zum ersten Mal in einer großen Krise, auch wenn vieles darauf hindeutet, dass die Krise, zumindest was die Zahlendimensionen betrifft, schlimmer ist/wird als alles bisherige. Vergleichbar ist aber die Einschätzung, dass auch frühere Krisen antraten, wenn ich so sagen darf, die “Naturgesetze” der Ökonomie grundlegend zu verändern.
Was bleibt allerdings von diesen Revolutionsansagen übrig? Nach einiger Aufregung hat sich immer wieder ein neues altes Gleichgewicht eingestellt und die Welt hat im Großen und Ganzen so weitergemacht wie davor. Längere stabile Zeiten werden von kurzen chaotischen Perioden unterbrochen, bis sich alle angepasst haben und sich das System stabilisiert. Dieser Ablauf hat auch theoretische Erklärungen gefunden und nennt sich Punctuated equilibrium, kommt aus der Evolutionstheorie und wurde für die Sozialwissenschaften adaptiert.
John Hagel III, John Seely Brown und Lang Davison haben im Blog von Harvard Business Publishing unter dem Titel The Big Shift eine Reihe von Beiträgen verfasst, die das oben beschriebene Modell kritisieren. Sie argumentieren, dass konstante Veränderung zur Norm geworden ist, dass die technologischen Veränderungen der letzten Jahre (Rechen- und Speicherkapazitäten, Bandbreite, Vernetzung) eine Stabilsierung nicht mehr zulassen.
And because the underlying technologies don’t stabilize, the social and business practices that coalesce into our new digital infrastructure aren’t stabilizing either. Businesses and, more broadly, social, educational, and economic institutions, are left racing to catch up with the steadily improving performance of the foundational technologies.
Daraus folgern die Autoren, dass eine Welt entsteht, in der kein Branchenprimus mehr für längere Zeit Primus bleibt, in der ökonomische Krisen häufiger vorkommen und in der sich die allgemeine Volatilität (Aktienbewertungen, Rohstoffpreise, Markenwerte) erhöht. Der Begriff “langfristig” bekommt täglich neue Bedeutung.
