Ist Gier bei Managern eine Krankheit?
11. Dezember 2008 von Peter
Personalstratege Othmar Hill erklärt im Standard Interview:
derStandard.at: Sind die abzockenden Führungskräfte also die Krisengewinner?
Hill: Bald nicht mehr, weil nun alle Augen auf sie gerichtet sind. Ich möchte aber unterstreichen, dass die österreichischen Finanzleute mit Augenmaß und einer gewissen Seriosität handeln, während die schon erwähnten Spitzenkräfte aus den USA und Deutschland jeglichen Realitätsbezug verloren haben. Eine derartige Form von Geldgier sehe ich als schwere Form von Krankheit, die sich in Kriminalität zeigt. Wer so gierig ist, muss jede Menge Verzweiflung am Buckel haben. Ergo: Geld zurück und dann ab in die Therapie.
Im übrigen handelt es sich eindeutig um eine Männerkrise. Die Frauenquote bei den Fehlleistungen in Führungsetagen liegt bei fünf Prozent.
Den Managern eine “schwere Form von Krankheit” zu attestieren halte ich für einen grauslichen Fehler. Denjenigen die nämlich wirklich krank sind hilft so eine Aussage überhaupt nicht. Mehr noch, sie verhöhnt sie, weil sie Menschen die ohnehin schon um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen müssen, keine Arbeit finden, viel Zeit in Krankenhäusern verbringen müssen, starke Medikamente nehmen müssen, ihr Leben in betreuten WGs verbringen müssen, auf eine Stufe stellt mit Multimillionären mit Villen in den Hamptons, Privatflugzeugen und besten Kontakten zu den Eliten, die vor ein paar Monaten noch als “Masters of the Universe” gefeiert und bewundert wurden. Vielleicht sollte Herr Hill nicht nur Corner Offices besuchen sondern auch mal mit offenen Augen durchs AKH spazieren.
Mindestens genau so schlimm: Gerade wenn sich durchgesetzt hat, dass psychische Krankheiten keine Lapalien sind und schon gar nicht selbst ausgesucht sind, öffnet so eine dumme Aussage dem Managern wieder Tür und Tor sich aus der Verantwortung zu stehlen. Motto: “Hey, ich bin krank, ich kann nichts dafür, ich wusste es bis jetzt nicht, ich konnte also gar nicht anders. Es tut mir leid aber ich bin nicht schuldiger als eine Borderline Patientin die sich selbst verletzt oder ein Mensch mit Tourette Syndrom.” Vielleicht mag diese Zuspitzung für manche Ohren zu radikal sein aber was ist das für eine Zuspitzung in der Manager 2007 noch 60 Mio. Dollar und mehr an Gehalt eingesteckt haben und heute Konkurs anmelden oder sich um milliardenschwere Staatshilfe anstellen?
Ja Herr Hill, diese Manager können bei entsprechender Compliance von einer Therapie profitieren, aber nein, Herr Hill, diese Manager sind nicht krank. Schon gar nicht im Sinne eines ICD-10, DSM-IV oder einer Sozialgesetzgebung.
Dass es sich dabei um eine Männerkrise handelt – no na – möchte ich sagen. Ich habe dazu jetzt keine Zahlen bei der Hand, aber da in den Ebenen über die hier gesprochen wird nur 20 bis 30 Prozent Frauen anzutreffen sind (von den großen amerikanischen Banken ist mir kein einziger weiblicher CEO bekannt) und die Wall Street fest in männlicher Hand ist, überrascht diese Aussage wenig. Sie zeigt nur einmal mehr, dass es offensichtlich nicht so rosig bestellt ist um die gläsernen Decken im Top-Management. Ich glaube nicht, dass Frauen prinzipiell weniger gierig sind wie auch diese Gehaltsübersicht zeigt. Spontan fällt mir nur Carly Fiorina ein, die einige Zeit lang Hewlett Packard vor stand und deren Gehaltszettel mit 22 Millionen nicht von Bescheidenheit geprägt war. Ihr Nachfolger Marc Hurd bekommt vergleichsweise schmale 15 Millionen.
So könnte ich nun praktisch das ganze Interview mit seinen Platitüden und Allgemeinplätzen
Hill: Panik-Reaktionen bei den Unternehmen sehe ich erfreulicherweise nicht – zumindest für den Moment. Im Jänner, wenn die Bilanzen fällig werden, wird das möglicherweise anders aussehen.
Absatz für Absatz in Frage stellen. Aber was solls, dem Hill sein Ego ist eh groß genug, dass ihn dies hier nicht jucken wird. Aber vielleicht konnte ich ja den geneigten LeserInnen ein paar Minuten sparen
