Ritchie hat einen interessanten Artikel als Replik auf den Beitrag “Schlechter Online” von Stefan Niggemeier verfasst:
Online-Journalismus: Alte Systeme perpetuieren?
Meine Antwort darauf sollte eigentlich ein kurzes Posting werden, wurde dann aber immer länger weshalb ich mich entschieden habe, meine Replik auch hier zu veröffentlichen. Für den Kontext bitte auf Datenschmutz vorbei schauen. Los gehts:
Gut gebrüllt, Löwe ähm Frosch aber ich kann mich deiner Position nicht anschließen. Was andere vielleicht zu pessimistisch sind, bist du mir hier etwas zu optimistisch. Ich glaube nicht, dass der von dir ins Spiel gebrachte Bergbauer mit UMTS Karte (wohl eine Analogie zu Joe Plumber) erkennt, dass die Welt ziemlich willkürlich ist. Und wenn, glaube ich nicht, dass er darauf sehr offen reagieren wird. In Situationen der Verunsicherung greift mensch auf das zurück was er kennt und was ihm Sicherheit gibt. Kompexität muss dann reduziert werden und das geht am einfachsten indem ich auf Handlungen und Aktionen zurückgreife die sich als funktionabel erwiesen haben. D.h. ich greife auf Religion, Bauernregeln und andere Ordungssysteme zurück die es schon gibt und nicht auf Systeme die sich erst entwickeln und bewähren müssen. So aufgeklärt wie du die Welt hier beschreibst ist sie nicht einmal in Star Trek.
Falsch ist es aus der angeblichen postmodernen Willkürlichkeit den Schluss zu ziehen dass es Wurscht ist was man tut. Genau das Gegenteil ist der Fall und ich denke mir, dass Niggemeier in diese Richtung argumentiert. Dass es nicht egal ist ob man jeden Blödsinn schreibt und sich dann auf die Multituden an Standpunkten herausredet. Vergleiche die PR Aktionen die zu den Irak Kriegen geführt haben. Das Beispiel von dem kleinen Mädchen, das vor der UNO erzählt wie die bösen Irakis Säuglinge aus den Inkubatoren herausgerissen haben ist gut dokumentiert. Dann steht man nämlich plötzlich im Irak, findet keine Weapons of Mass Destruction, hat einen Haufen Menschen getötet und Leben zerstört. Die Multituden an Standpunkten werden dann sehr akademisch.
Nicht nur zwischen Banken geht es um Vertrauen. Immer wenn ich Info übernehme/annehme die ich selbst nicht recherchiert habe, muss ich dem Info-Geber vertrauen bzw einen Vertrauensvorschuss geben. Wenn ich über eine Search Engine zu deinem Blog komme, weiß ich nichts über dich. Warum soll ich dir irgendetwas glauben? Also braucht es Kontinuität udn Referenzen und die ist durch Institutionen und die Regeln die sie sich geben ganz gut gewährleistet. Dass im Journalismus vieles im argen liegt stimmt, aber deswegen “drauf scheißen” und auf die Weisheit der Vielen setzen ist kurzsichtig. Aufmerksamkeit entscheidet ja nicht darüber ob etwas “wahr” oder “falsch” ist, sondern nur ob etwas interessant ist. Und die Kätzchen im Glaswürfel sind defintiv (beim ersten Mal) interessant aber wird, auch wenn sie sich 1 Mrd Menschen ansehen nicht “wahr”. (Ok, jetzt keine Konstruktivismus Diskussion.) Jetzt wirst du vielleicht einwenden, dass es ja sofort ganz viele Blogger gibt die diesen Hoax aufdecken. Bis sich dass aber wieder herum spricht dauerts eine Weile. Und nicht jeder ist so infogeil, so gebildet, so interessiert, hat so viel Zeit dass er die Katzeninfo selbst cross-checkt. Sonst würde es ja keine Kettenbriefe/mails mehr geben.
Das ein Bezug auf “die Parameter eines historischen Mediensystems” automatisch oder per se “zu einer negativen Beurteilung des Status Quo führen” muss, widerspricht der von dir unterstützten Theorie dass es keine Wahrheit gibt sondern nur “Multituden von Standpunkten”. Die Frage ist welche Parameter ich heranziehe. Rechtschreibfehler ist da wahrlich kein guter Parameter. Wobei, es soll Zeiten gegeben haben wo Tageszeitungen praktisch Tippfehlerfrei waren. Lektoren werden eben eingespart. Dies schadet der Glaubwürdigkeit der Zeitung, v.a. bei denen die es noch anders kannten. Da unterstütze ich Niggemeier voll und ganz. Wenn sich das Publikum erst mal an ein stetiges nivellieren des Anspruches gewöhnt haben, wird die Institution Journalismus sehr fragwürdig. Und das wird bzw ist ja schon ein großes Problem für die Gesellschaft und die Politik. Schon jetzt gibt es kaum mehr aufdeckenden Journalismus – mir fallen aber jetzt auch keine Blogger ein die diese Lücke in gesellschaftlich relevanten Themenbereichen geschlossen hätten. Und bitte nicht Drudge Report sagen. Ich frage mich daher nicht, wie kann ich den Journalismus beerdigen sondern wie kann ich ihn reformieren und auf die neuen Verhältnisse anpassen.
Wenn ich einen guten, qualifizierten und schnellen Überblick über die Themen des Tages haben will, brauche ich die funktionierende Institution des Journalismus. Ein guter Gatekeeper eröffnet mir ja auch immer einen (Themen)Raum, wie ich mich dann darin bewege, ob ich mich tiefer hinein traue oder gleich wieder verschwinde, ist meine Entscheidungsfreiheit. Dazu brauche ich auch gar nicht so viel media literacy weil der Raum sehr übersichtlich ist, die Komplexität dank der Arbeit des Gatekeepers überschaubar bleibt. Im Vergleich dazu eröffnet mir Google ein Spiegelkabinett in dem ich mehr und wahrscheinlich auch eine erweiterte media literacy brauche.
Auch in der APA sitzen übrigens Journalisten die sich nicht nur als Multiplikatoren von PR Meldungen sehen. Auch dort wird recherchiert, interviewt und zusammen gestellt. Zugegeben, die Auswahl dessen was dann zb im Onlinestandard erscheint ist nicht immer glücklich.
PS: Eigentlich hätte ich dazu einen eigenen Blogbeitrag schreiben sollen, hier nur verlinken und mich über die Hits und damit über die Aufmerksamkeit/Relevanz (?) freuen. (Was ich jetzt auch gleich tun werde. )

Das ist für mich genau der Knackpunkt an der Diskussion. Ich glaube nämlich nicht, dass es diesen Überblick “gibt”, sondern der ist ein Konstrukt, das uns von der Institution Journalismus “verkauft” worden ist. Du kriegst nicht den Überblick über wichtige Themen, sondern eine Selektion, die bestimmten – ohne weiteres identifizierbaren – Kriterien gehorcht. Mein Glaubensbekenntnis: die Zentralperspektive ist tot, let’s indulge in entropy.