Ich glaube nicht im Land der Jungnazis zu leben
7. Oktober 2008 von Peter
Na super! Nach einem 14 Stunden Arbeitstag muss ich beim nach Hause gehen an einem Profil-Ständer vorbeikommen und weil die Finanzkrise noch nicht apokalyptisch genug ist, muss ich mich am Heimweg auch noch vor jedem zweiten Jugendlichen bis jungen Erwachsenen fürchten, dass er die Gotcha-Pistole zieht und mich zum Ziel seiner Wehrsportübungen macht. Statt gedankenverloren weiter zu gehen rattert es in meinem Kopf – also weiter rattern lassen, merken und einen Blogbeitrag schreiben, denke ich mir. Well, here it is!
Ich habe den Artikel noch nicht gelesen, Trafiken haben um 23.00 Uhr nicht mehr offen, aber ich möchte die Frage aufgreifen. (Wie schön ergibt es sich, dass hier schon eine kleine Diskussion dazu begonnen hat.)
Also: “Jugend am rechten Rand: Fast jeder zweite Österreicher unter 30 wählt FPÖ/BZÖ” titelt das Profil.
Nein, dass sind nicht alles junge Menschen mit Sehnsucht nach der sozialen Wärme von Wehrsportgruppen und dass sind auch nicht alles HolocaustleugnerInnen. Ich habe als Uni-Lehrer und Trainer seit 10 Jahren sehr viel mit der genannten Zielgruppe zu tun und bin selbst ja auch noch kein Methusalem. Bevor gleich der Einspruch kommt, dass ich es da nur mit den Privilegierten, den Cleveren, den Bildungseliten, den Bobos und Viennale-Taschen-Grün-WählerInnen zu tun habe, die sich nicht so leicht manipulieren lassen, möchte ich ein kurzes gar nicht abwegiges Fallbeispiel bringen.
Der Wahlkampf 2008 der rechten Parteien (FPÖ, BZÖ) ist mir in seiner Massenöffentlichkeit bei weitem ruhiger und konstruktiver als in den letzten Jahren in Erinnerung. Ausländer raus Parolen fand man eher bei der ÖVP denn beim BZÖ. Das hooliganartige, destruktive, visionslose Pöbeln eines Westenthalers wich einem vergleichsweise “positivem” und versöhnlichem “Österreich den Österreichern” und “Deinetwegen Österreich”. Von offenem Ausländerhass, zumindest auf den Plakaten, keine Spur. Das man jedesmal wenn man an “den Österreicher” denkt damit automatisch den “nicht-Österreicher” mitdenkt (wenn auch nur subliminal) und ihn gar nicht mehr erwähnen muss ist natürlich richtig und mit Sicherheit gewollt. Eine Gruppe braucht ja immer ein Aussen von dem es sich absetzt. Aber wer sagt, dass man dieses Aussen immer so genau benennen muss? Es reicht ja, wenn man sich selbst benennt und alles was dann da nicht dazu passt muss das Andere sein. Wer drinnen und wer draussen ist, war objektiv noch nie so wischi-waschi wie in diesem Wahlkampf.
Zurück zu den privilegierten Jugendlichen aus meiner Erfahrung und meinem Fallbeispiel. Sag’ einem 18-jährigen der Medizin studieren will und gerade erfahren hat, dass er (trotz ÖsterreicherInnenquote) keinen Studienplatz bekommt, dass Österreich den Österrreichern eigentlich Ausländer raus heißt und dass in den Parteiprogrammen und -kadern von BZÖ und FPÖ übelste Grauslichkeiten vorkommen. Und dann bedenke bitte auch noch, dass dieser enttäuschte Jugendliche auch Eltern, Großeltern und Familie hat die alle überzeugt sind in den letzten 18 Jahren brav Steuern gezahlt zu haben und damit auch das Bildungssystem finanziert zu haben aber jetzt nichts direkt davon zurück bekommen. Obwohl eigentlich genügend Plätze für ÖsterreicherInnen da wären, wenn es nicht auch noch so viele AusländerInnen gäbe die plötzlich (dank EU) unbedingt bei uns studieren wollen, weil sie z.T. in ihrer Heimat keinen Platz bekommen haben.
(Das ist natürlich eine sehr einfache Logik. Aber wenn Charly Blecha oder ein anderer PensionistInnenvertreter auftritt und höhere Pensionen verlangt weil die Leute das ja vorher eingezahlt haben, funktioniert es ja auch. Schade, dass Blecha und Co schon lange tod sein werden, wenn ich irgendwann mal mit bestenfalls Grundsicherung in Pension gehen werde. Ein Umlagensystem funktioniert nicht nach dem Motto ich nehme heraus was ich hineingegeben habe!!!)
Da muss man kein Freund von Wehrsportübungen und eigenwilliger Bier-Bestell-Gestik sein und schon gar nicht jeden Juden im KZ sehen wollen, um sich schlicht und ergreifend sehr schlecht behandelt vor zu kommen. Sich verarscht fühlen, ist wohl die treffende Redewendung. Wenn 50% der unter 30-jährigen FPÖ und BZÖ gewählt haben, dann müssen da auch sehr viele MaturantInnen und JungakademikerInnen dabei sein. Geht sich rein rechnerisch sonst gar nicht aus.
Von dieser persönlichen Betroffenheit ist die Assoziation nicht weit zu den klassischen Arbeitsplätzen die es nicht gibt weil sie von AusländerInnen besetzt werden. Auch Studierende kommen aus Familien in denen es Arbeitslosigkeit gibt. Und so kumuliert die Unzufriedenheit und weil Protest strategisch eingesetzt werden muss um nicht zu verpuffen wählt man FPÖ und BZÖ statt Grüne, Fritz, Christen oder KPÖ. Zumal die Rechten in ihrer Massenkommunikation konstruktiver, pragmatischer und praktischer waren als die ehemaligen Großparteien.
Ich hoffe wirklich sehr hier halbwegs richtig zu liegen und kann nur einen kleinen qualitativ geprägten Einblick versuchen. Ich will auch nicht beschwichtigen, dass alle diese Stimmen nur Proteststimmen sind. Dass ich aber von heute auf morgen im Land der Jungnazis lebe und nichts davon mitbekommen habe kann ich auch nicht glauben. Sind die Codes wirklich so anders als in den späten 80ern und frühen 90ern wo ich pubertiert habe und Skins mit Bomberjacken mit eindeutigen Runen und Sprüchen drauf sowie Doc Martens mit weißen Schuhbändern etc. viel viel präsenter waren?

[...] Steinberger versucht, in seinem Blog auf diese Entwicklung zu reagieren und schildert seine Sicht der [...]
Ich habs wohl hundertmal in den letzten zwei Wochen gesagt, aber ich sags nochmals: die meisten wählen nicht für eine, sondern gegen eine Partei. Nicht nur bei dieser Wahl, von der man jetzt überall liest, sie wäre eine Protestwahl. Sondern immer.