Vorschlag zur Rettung der Politik
30. September 2008 von Peter
Kurz nach der Wahl ist der Katzenjammer bei den Verlierern (den etablierten, man könnte auch alten, Parteien SPÖ, ÖVP aber auch die Grünen zählen für mich dazu) verständlicherweise recht groß. FPÖ und BZÖ feiern umso mehr. Auch verständlich. Insgesamt sehe ich das österreichische politische System aber auf eine veritable Krise zusteuern bzw. schaffen die Akteuere es nicht aus der Misere heraus zu manövrieren. Und das eigentlich schon seit Jahren. Die Antwort auf populistische Rechtsparteien kann ja nicht in populistischeren Linksparteien liegen.
Was die Politik retten könnte, wäre ein Verbot externer Spindoktoren mit ihren best practices und kontextlosen Handlungsempfehlungen und vor allem darf keine Werbeagentur mehr für politische Parteien arbeiten. Wie Max heute in einer Diskussion ganz richtig bemerkt hat, ist alles, was mit Marke und Markenpflege zu tun hat vollkommen unpassend für politische Prozesse. Eine Partei ist keine Marke und kein Produkt und muss auch nicht verkauft werden. Die Analogie von Wählen und Kaufen ist nicht nur ein Missverständnis sondern Ideologie pur. Detto Demokratie. Die Struktur und Basis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens ist kein Waschmittel das willkürlich einmal als Granulat, einmal Flüssig und dann wieder als Tabs vom immer gleichen Meister Proper verkauft werden kann!
Ich bin überzeugt, dass die Werbeagenturen ganz gut ohne den Aufträgen aus der Politik überleben können und auch die Zeitungen wird es weiterhin geben, auch ohne Mega Werbeeinschaltungen von Ministerien oder staatsnahen Betrieben (z.B. ÖBB), die nur den Minister gut aussehen lassen sollen.
Wenn Parteien und Politiker wieder anfangen müssen selbst zu kommunizieren, statt ein “Fünf Plakate plus eine Zeitungsannonce gratis” Package abzuarbeiten, überlegen sie sich vielleicht besser wer, wie, was, an wen und warum sie etwas mitteilen.

Super idee. Erich Fromm forderte ja in Haben oder Sein schon ein komplettes verbot von politischer Werbung aus genau diesen Gründen.
grüsse
chris
der regulationsversuch ist wohl nicht noetig und der politik geht es gut – auch ich bin mit dem wahlergebnis nicht zufrieden, aber ich bin damit einverstanden, wir sind stabil – es gab schon schlimmeres. wir stehen am anfang einer grundlegenden transformation des politischen prozesses selbst und diese umstellung ist strukturbedingt und unumkehrbar: die abnehmende bedeutung klassischer medien. so wie die postwurfsendung an bedeutung verloren hat, ohne dass es irgendwen gestoert haette, und auch ohne dass das schwerwiegende folgen gehabt haette, verliert zusehends das politische plakat seine wirkung.
die bedeutung direkterer kommunikation, im dialog ueber das internet, nimmt zu; eine ‘beteiligung’ von postern im standard-chat an einer parlamentssitzung wuerde ich dafuer als beispiel sehen. sicherlich sind allerlei formen entwickelbar; hier wuerde ich sogar hoffen, dass moeglichst viele experimentierfreudige spin doktoren ihre arbeit machen.
desweiteren ist die bildungskluft wohl deutlich vom wahlausgang ablesbar. ein verbot der werbung wuerde daran nichts aendern, das ausnuetzen derselben zu verbieten ist unrealistisch. wenn es stimmt, dass sich aus unzuverlaessigen teilen ein zuverlaessiges system aufbauen laesst, dann besteht kein grund zur verunsicherung. es besteht ein anlass, dieses system zu bauen, und dabei moeglichst viele in diesen aufbau einzubeziehen.
guter text dazu: http://edge.org/3rd_culture/pesce08/pesce08_index.html
lg
w
@wolfhesse: Danke für deinen interessanten Kommentar. Mein Vorschlag möchte nicht die politische Werbung abschaffen. Politische Parteien sollen und müssen auch weiterhin in der Öffentlichkeit präsent bleiben – mit Postwurfsendungen, Plakaten, Chats, Twitter, Blogs etc. Aber diese Botschaften sollen nicht vom Texter einer Werbeagentur kommen bzw. von der Agentur dem Markenimage angepasst und gestreamlined werden.
Ich war in den letzten 10, 11, 12 Jahren praktisch täglich zumindest kurz im Internet, schreibe seit 5 Jahren ein Blog, habe Accounts in diversen Social Networks und kann noch eine HTML Seite händisch codieren, aber für meine Wahlentscheidung war es definitiv unwichtig ob Wilhelm Molterer twittert oder nicht. Ebenso, dass ich mir die Website der Grünen zusammenstellen kann wie eine Newsseite. Das ist alles bestenfalls Make-up.
Und Slogans wie “Gibt Sicherheit” oder” Sozial.Entschlossen.Zuverlässig” oder gar nur “VdB08″ haben null politische Botschaft und erinnern mich an “Coca-Cola The real thing” oder “Nicht sauber sonder rein”. Klar, kommen ja alle aus Werbeagenturen.
Bildungskluft und Wahlausgang würde ich nicht so stark korrelieren. Wenn, wie gerade heiß diskutiert, 50% der unter 30-jährigen FPÖ oder BZÖ gewählt haben, dann müssen da auch ein Haufen MaturantInnen und AkademikerInnen dabei sein. Geht sich sonst einfach nicht aus.
Den edge Link muss ich mir noch anschauen. John Brockman und seine 3rd culture sind ja nicht unbedingt bekannt für ihre Selbstlosigkeit und Ideologiefreiheit. Weniger Regierung mehr Individualismus – I do not think so. Die Einleitung sagt eh schon vieles:
Pesce: The future looks nothing like democracy, because democracy, which sought to empower the individual, is being obsolesced by a social order which hyperempowers him.
Mit anderen/meinen Worten: Die Demokratie wird obsolet und stirbt aus weil eine soziale Ordnung (woher, welche und wessen???) das Individuum (jedes???) omnipotent machen wird.
[...] nicht mehr offen, aber ich möchte die Frage aufgreifen. (Wie schön ergibt es sich, dass hier schon eine kleine Diskussion dazu begonnen [...]