Benzinpreise
27. Mai 2008 von Peter
So. Habe gerade einen Beschwerdebrief an den ÖAMTC gemailt, dass sie mit der billigen, populistischen Suderei wegen der Spritpreise aufhören sollen. Wer bei der aktuellen Situation von existenzbedrohenden Zuständen für Autofahrer spricht, hat jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Die armen Pendler die vorzugsweise im großen SUV (weil man den zB. im Burgenland im Winter unbedingt braucht, wegen der Schneeverwehungen an fünf Tagen im Jahr) alleine nach Wien pendeln müssen. Mineralölsteuer reduzieren oder abschaffen bringt absolut nichts, weil dann das Geld woanders wieder fehlt. Warum soll die Allgemeinheit den VW Touareg V10 Fahrer entlasten der unbedingt mit seinem Auto täglich zwischen zB. Stockerau oder Baden und Wien klimatisiert hin und her cruised? Oder all jene mit Wiener Kennzeichen die ich heute im 3., 4., 9., und 20. Bezirk auf der Radspur überholt habe und die alle alleine in ihren Audis, BMWs, Mazdas etc. Limousinen gesessen sind.
Das mag jetzt ebenso populistisch klingen aber ich bin oft genug im Wiener Speckgürtel und das Suburbia dort ist heute ohne Doppelgarage und SUV nicht vorstellbar. Das erkennt man sehr schön an den älteren Häusern (so aus den 80ern) die nur Einzelgaragen haben und den neuen Fertigteilhäusern die offensichtlich per default mit Doppelgarage ausgeliefert werden. Konnte ich in meiner Kindheit noch problemlos in der Strasse vor dem Haus Fussball oder Hockey spielen, so stehen in der selben Strasse heute vor praktisch jedem Haus Autos die nicht mehr am Grundstück untergebracht werden können.
Erst am Anfang
Meiner Meinung nach stehen wir hier erst am Anfang einer Entwicklung die uns noch viel sudern und vielleicht auch reale Existenzbedrohung bringen wird. Seit Jahren wird meine Generation und die Folgenden in die aktien-/fondbasierte Altersvorsorge gedrängt. Fondsparpläne ab 50 Euro und darunter sind individuell nicht viel aber in der Summe kommt auch da eine ganze Menge Moos zusammen. Dieses Geld wird im Idealfall von gewieften Managern dort eingesetzt wo es am meisten Rendite bringt. Dem Fondmanager (der oft genug ein computerbasiertes Trendfolgesystem ist) ist es in 99% der Fälle herzlich egal ob er 50.000 Schweinebäuche oder 1000 Tonnen Weizen oder 1 Mio Kilowattstunden Strom in Termingeschäften vollkommen virtuell handelt, Hauptsache die Rendite stimmt. Dadurch bekommt der pensionierte Lehrer in Kalifornien (einer der größten Pensionsfonds des Universums) und ich als Kleininvestor am Ende des Jahres vielleicht 20 Euro mehr Rendite. Diese 20 Euro erkaufe ich mir (unfreiwillig) auf den Märkten durch höhere Volatilität auf langfristig gesamt höherem Preisniveau. D.h meinem Aktionärs-Ich geht es besser und meinem Verbraucher-Ich geht es mitunter deutlich schlechter.
Kann also mein Aktionärs-Ich die Verluste meines Verbraucher-Ichs wett machen? Einigen wenigen wird das gelingen in dem sie aktiv ins Tradergeschäft einsteigen damit an der Preisspirale mitdrehen und zB. deutliche Preissteigerungen durch noch deutlichere Aktiengewinne ausgleichen werden. Allen mit 50 Euro Sparplänen wird das ganz sicher nicht gelingen. Die werden sich vielleicht freuen, dass ihre OMV Aktien um 10% gestiegen sind nachdem sich Dank ihrer Mithilfe an der Tankstelle der Umsatz verdoppelt hat – im Endeffekt bleibt trotzdem ein Minus.
Kein Persilschein
Diese Argumentation will der Politik aber keinen Persilschein ausstellen. Dazu muss sie aber ihre Eigenständigkeit wieder herstellen und die Abhängigkeit vom Lobbyismus reduzieren. In Deutschland hat man um gutes Steuergeld Raffinerien gefördert die aus erneuerbaren Rohstoffen (Raps, Mais, Rüben etc.) vereinfacht gesagt Biosprit erzeugen sollen. Ich kann mir die PolitikerInnen gut vorstellen wie sie sich gegenseitig auf die Schulter geklopft haben, über die Freude mehrere gute Vorsätze in einem aufwaschen umgesetzt zu haben. Erstens gab man den Bauern (v.a. im strukturschwachen Osten) eine sinnvolle Beschäftigung und eine Perspektive Äcker nicht stilllegen zu müssen und von EU-Agrarförderungen zu leben. Zweitens konnte man damit etwas für die Umwelt tun. Und drittens schaffen Raffinerien Arbeitsplätze. An was sie nicht dachten oder was sie gegen die Öllobby nicht durchsetzen konnten, waren entsprechende Gesetze die BP, Shell und Co auch dazu gezwungen hätten diese Spritadditive lokal einzukaufen.
Um die Vorteile der Economies of Scale zu erkennen braucht es keinen Doktor, das lernt man sogar im Geografieunterricht einer AHS. Natürlich haben die Ölmultis nicht zig unterschiedliche Verträge mit zig kleinen Raffinerien abgeschlossen, sondern haben ihre gesetzlich vorgeschriebenen Bio-Additiv Mengen on the whole am Weltmarkt, beim günstigsten Anbieter zentral eingekauft. Die kleinen oft von bäuerlichen Gemeinschaften betriebenen Raffinerien melden heute der Reihe nach Konkurs an oder werden von den Großen billigst übernommen. Neben diesen realen Auswirkungen fördert diese politische Unfähigkeit auch ideologische Auswirkungen.
Vertrauensverlust
Aktuell ergibt sich, wie sich auch durch meine Arbeit empirisch belegen läßt, ein Themenklüngel um die Topics Umweltschutz und Energiekosten. Umweltschutz ist als Wert zunehmend nur dann wichtig, wenn sich dadurch kurz- und mittelfristig Kosteneinsparungen realisieren lassen. Die Biosprit Geschichte hat da aber genau das Gegenteil ausgelöst. Warum soll ich mein Auto relativ kostenintensiv auf zB. Erdgasbetrieb umrüsten wenn ich mich auf die steuerlichen Vergünstigungen nicht verlassen kann? Die KonsumentInnen haben aus dem Dieselpreis, den reduzierten Förderungen für die Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie und nicht zuletzt den groß angepriesenen Pelletsheizungen gelernt. Das Vertrauen in derartige politische Lenkungsversuche ist dahin und das ist der eigentliche Schaden der durch die steigenden Preise für Energie und Lebensmittel, ausgelöst durch mediokre Politik, angerichtet wird. Der Glaube an die Lenkungsfähigkeit der Wirtschaft durch die Politik wird einmal mehr schwer enttäuscht, jeder neuerlichen Intervention durch die Politik begegnet unser Verbraucher-Ich mit noch mehr Skepsis. Gleichzeitig wird unser Aktionärs-Ich gestärkt, unser Investmentfond bringt immerhin ein paar Prozent während die Politik nur höhere Preise und höhere Inflation bringt.
Es gibt selbstverständlich einige Projekte wo die öffentliche Hand viel Geld sparen könnte. Zum Beispiel bei einigen Tunnelprojekten die sich objektiv nie rechnen werden und die objektiv niemand braucht – abgesehen vom Ego einiger Landesfürsten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Peter, du hast ja wirklich eine Seite über Benzinpreise gebloggt. And what’s more: Ich lese sie, weil sie jemand getwittert hat:-) Moin moin…
Wie recht du hast.
Ich brauch aber gar nicht reden, ich fahre mit der Vespa, die hat zwar keinen SUV-Verbrauch, aber das Radl würde es auch tun.
Es gibt ja sogar Ökofonds für die Umweltbewussten Investoren
Tja, der gute Chuck Norris würde ja sagen: actions and consequences. Wer die Lebensqualität des wohnen im Grünen mit eigenem Garten etc haben will, was ich sehr sehr gut verstehen kann, muss eben auch damit leben, dass das teuer werden kann. Und wer gerne mit 180 und mehr PS in der Gegend herumkurvt darf nicht wegen sich eh schon lange abzeichnender Benzinverteuerung herum bitchen. Ich will auch niemand seinen SUV etc verbieten. Ich hätte ja auch gerne mehr als 60 alte Dieselpferdestärken unterm Hintern.
Zeitweise erinnert mich das an die Kettenraucher die die Zigarettenproduzenten verklagen weil sie Lungenkrebs haben.
Naja, und die Ökofonds sind eine harmlose Möglichkeit sein Gewissen zu beruhigen. So wie die traditionelle Licht ins Dunkel Spende. Ganz abgesehen davon, dass in einigen Ökofonds trotzdem BP und Co dabei sind weil sie ja eh beyond petroleum sind und 3% ihres Umsatzes mit Windenergie machen.
[...] kurzem habe ich mir hier einige Gedanken zu den kräftig steigenden Preisen bei Lebensmitteln und Sprit gemacht. Während einige [...]