Der ORF - ein Fall für Dr. House?
23. Oktober 2007 von Peter
Gestern hat sich Franz Morak, sieben Jahre lang ÖVP Staatssekretär für Kunst und Medien, im Standard sorgen über den (Neuen) ORF gemacht. Die Punkte die Morak anspricht - brutale Quotenorientierung, sinkende Akzeptanz in der Öffentlichkeit, Abspielsender für amerikanische Serien, Kritik an der Qualität der Informationssendungen - sind alle sehr nachvollziehbar und auch hier schon öfters angesprochen worden. Morak schlägt deswegen einen öffentlichen Themenschwerpunkt zur Zukunft des ORF vor. Ein Jahr nach der Wahl eines neuen SPÖ-nahen Generaldirektors - der auf die vier-jährige “Regentschaft” einer ÖVP-nahen Generaldirektorin folgt - und ein halbes Jahr nach einer großen Programmreform ist der ORF also urplötzlich ein Fall für den Emergency Room. Wohl ein Lehrbuchbeispiel für ein iatrogenes Krankeitsbild. Dabei wird der gesundheitliche Schaden erst durch die ärztliche Behandlung (in dem Fall die Reform) ausgelöst. (Das kommt öfters vor als man wahrhaben will. Mehrere tausend Menschen sterben jährlich an Infektionen die sie sich im Krankenhaus eingefangen haben.) Gerade noch kerngesund und im nächsten Moment ein Fall für die Appartemedizin - könnte mal jemand Dr. House anpiepsen?
Alleine dieses Beispiel zeigt wieder mal, dass für die Qualifikation zum Politiker vor allem zwei Eigenschaften wichtig sind:
- Eklatante Gedächtnisschwäche. Mit jeder neuen Wahl resetet sich das Gedächtnis und lehnt jede Verantwortung für das was vor der Wahl war ab.
- Geringe Selbstreflexionsfähigkeit. Wie sonst lässt sich erklären, dass Probleme immer nur dann virulent werden wenn gerade die andere Partei “am Ruder” sitzt.
Meine Argumentation sehe ich durch die heutige Replik auf Morak durch Peter Huemer unterstützt. Beispiel gefällig?
Morak spricht von “brutalem Quotenkurs” und weist auf den Montagabend auf ORF1 hin. Kann ihm wirklich entgangen sein, dass es sich hier um ein unerfreuliches, leider nicht beseitigtes Erbe der Lindner-Ära handelt?
Jetzt kann man natürlich einwerfen, dass PolitikerInnen arme Schweine sind weil die Sachzwänge sie dazu zwingen so zu agieren. Sie müssen ja den politischen Gegner kritisieren um einen Diskurs anzustossen, um etwas in Bewegung zu bringen, um etwas zu verändern.
Das mag schon stimmen, allerdings wie ich gerade in einem Rhetorik-Buch gelesen habe:
Nicht die Pausen unterteilen die Sprache, sondern durch das gesprochene Wort wird die Stille unterbrochen. Das Reden muss also besser sein, als das Schweigen gewesen wäre.
Moraks Sorge um den ORF ist also durchaus zuzustimmen. Aus seiner Position heraus müsste die Argumentation jedoch anders aussehen um nicht im Status der billigen Polemik stecken zu bleiben.
Morak dient hier nur als Fallbeispiel. Wenn man sich die Diskussionen um die anstehende Schulreform ansieht gehts dort ähnlich zu. Und um nicht immer nur die ÖVP zu schelten. Auch die SPÖ hat ein Fremdenpaket im Parlament beschlossen, an dass sie sich jetzt am liebsten nicht mehr erinnern will dabeigewesen zu sein.
Passend dazu auch meine Serie zum ORF-Vorabendprogramm:
