Dawkins Gotteswahn auf deutsch erschienen
11. September 2007 von Peter
Richard Dawkins Buch “The God Delusion” ist nun auch auf deutsch erschienen. Der Gotteswahn, so der kompromisslose offizielle Titel, tritt an Kreationismus, sog. intelligentes Design und ähnliche Mythen argumentativ zu zerlegen. ORF.at hat dazu einiges an Informationen zusammengestellt.
Die viel größere Schatzkiste ist jedoch jene Seite die vor allem für lonleygirl15 und Karaoke singende Teenager bekannt ist: youtube. Eine Suche nach Richard Dawkins ergibt dort ca. 1200 Treffer. Unter anderem lassen sich dort auch Teile der hervorragenden BBC Dokumentation “The root of all evil” finden.
Wer also lieber schaut und hört als (560 Seiten ) liest, findet hier ausreichend Pros und Cons um mitdiskutieren zu können.

Man muss das Auge erst ein wenig an die geistige Dunkelheit gewöhnen, da es sonst schwer fällt, den Gegenstand dieses Buches zu fassen. Dann aber liest man es durchaus mit Vergnügen. Das ganze ist ein Schabernack im Stile Bertrand Russells, dem man ja auch nicht die Schuld anlasten sollte, die schlechteste Einführung in die Geschichte der Philosophie geschrieben zu haben, die je das Imprimatur einer alten Universität erlangt hat: schließlich war es ja gar nicht Russells Absicht, etwas über „Geschichte“ oder gar „Philosophie“ zu schreiben, vielmehr wollte er ein paar unterhaltsame sprachliche Konventionen für seine Freunde im Golf- und Literaturclub kreieren. Dass die Gentlemen sich damit gleichzeitig ein paar Namen aus der Philosophiegeschichte und ein paar Kapitelüberschriften aus philosophischen Werken aneigneten, war nur ein willkommener Nebeneffekt. Russell ist ohne Zweifel Dawkins geistiger Patron. Er bewundert diesen Schöpfergott der „Principia Mathematica“, den zu zitieren, jedem Demütigen im Geiste eine Aura von hard science verschafft. Darum erweist ihm Dawkins an vielen Stellen seine Reverenz, beispielsweise wenn er darauf hinweist, dass es für gewisse Individuen, etwa Schneemenschen, das Ungeheuer von Loch Ness, Gott usw. gewisse Wahrscheinlichkeitsabschätzungen bezüglich ihrer Existenz gibt. Die Existenz Gottes, so kolportiert Dawkins, sei nicht wahrscheinlicher als die Existenz einer in der Weite des Weltraums um die Sonne kreisenden Teekanne (Das war Russells Joke für die Teerunde!) Auch die Wirksamkeit von Gebeten halte neueren Untersuchungen zufolge einer statistischen Überprüfung nicht stand. Da wundert man sich doch, wie früh das unsere weisen Politiker schon erkannt haben müssen (noch ehe es eigentlich entdeckt war!), sonst müssten wir jetzt die Gesundheitsprämien für den Gottesdienstbesuch abschaffen!
Doch Spaß beiseite. Selten schimmert so etwas wie ein dumpfes Ahnen durch Dawkins Zeilen, etwa wenn er darauf hinweist, dass Anselm von Canterbury zu Gott betet, ehe er ihn „beweist“. Daraus aber irgendwelche Konsequenzen abzuleiten, ist nicht das Anliegen des britischen Humoristen. Möglicherweise, ich überlasse die Wahrscheinlichkeitsabschätzung dem Leser, ist es Dawkins durchaus Ernst mit seiner Persiflage. Dass dabei das Ergebnis seiner Betrachtungen von der Art der zugrunde gelegten Rationalität abhängen könnte, dass er bloß die Ostereier findet, die er selbst versteckt hat, dieser Gedanke liegt Dawkins gänzlich fern. Wenn Jurij Gagarin zu ihm gesagt hätte: „Ich habe Gott gesehen. Er befindet sich im Sternbild Sagittarius.“, Dawkins wäre der erste gewesen, der zu seinem Fernrohr gerannt wäre, um das zu überprüfen.
Darin befinden sich am Ende alle in einem Boot: Dawkins, die Kreationisten, George W. Bush und Mohammed Atta, und hier beginnt die Sache ernst zu werden, todernst sogar. Es ist dieser vollkommene Mangel an irgendeinem Begriff von Transzendenz, der für unser heutiges Zeitalter so charakteristisch ist. Wenn in diese Elektrotechniker-, Ölmagnaten- und Zoologen-Gehirne irgendwelche zufällig aufgeschlagenen „Bibel- oder Koran-Weisheiten“ hineingelesen werden, dann beginnen in dem weithin geschichtsleeren Raum die digitalen Relaisschaltungen zu rattern, dann gibt es nur noch Kosten und Nutzen, Ja oder Nein, wahr oder falsch. Wir haben in unserem Zeitalter wohl noch einiges von der „Religion“ zu erwarten…
Jan Marc Nottelmann-Feil
Hoffentlich müssen wir in unserem Zeitalter nichts von der Religion erwarten.