Wenn die Lösung zum Problem wird (MiA Fortsetzung)
3. September 2007 von Peter
Wie könnte denn nun eine Lösung des ORF-Vorabend Problems aussehen? Ich habe geschrieben, dass die vermeintliche Lösung zum Problem wird. In dem Fall haben die Programmverantwortlichen das Problem darin gesehen, dass Jugendliche von ORF1 abwandern und potentiell lieber Daily Soaps sehen. Die Lösung lag also wunderbar auf der Hand: eine eigene Soap muss her.
Das Mind Set ist relativ klar. Etwas hat woanders gut funktioniert, also wird es hier auch funktionieren. Selten ist diese Denke so verbreitet wie in der Show Branche. Die Folge sind Me-Too-Produkte. Sender A hat eine funktionierende Casting Show also starten Sender B, C und D ebenfalls eigene Casting Shows. Übernatürliche Fähigkeiten sind hip (Heroes) also werden schnell weitere Shows (zb Painkiller Jane) mit vergleichbaren Thema produziert. Jamie Oliver kocht alle ein also brauchen auch die anderen Sender eine Kochshow (Melzer, Kerner kocht, Zacherl, Lafer Lichter Lecker, Das perfekte Dinner, Ganz & Gar, etc.) Was man erhält sind höchst austauschbare Produkte die oft alles andere als sure-shots sind. Daily Soaps sind da nicht anders.
Man nimmt also das Problem (Jugendliche werden nicht erreicht) und versucht eine Lösung zu finden. Dazu sammelt man Daten die auf Quoten basieren. Diese Daten informieren uns über genau einen Umstand, nämlich was weniger und was mehr gesehen wird. Schnell kann man so potentielle Lösungen finden. Ebenso schnell sind Favoriten gefunden. Warum es funktioniert weiß man meistens nicht, darüber geben Quoten auch keine Auskunft, aber dass es funktioniert, zeigen sie genau.
Erwartete Konsequenzen der Lösung? Klar, die verlorenen Schäfchen finden wieder zurück. Nicht-erwartete Konsequenzen der Lösung? Darüber macht sich niemand Gedanken, schließlich hat man ja ein Erfolgsmodell vor sich. Jedoch:
Since there is a high likelihood of an inappropriate fit between problem and solution, new unintended and unanticipated consequences often erupt, in part based on the mismatch between solution and problem.
Man steigt in eine sogenannte “problem solving treadmill”. Durch die Art und Weise wie man ein Problem löst, ruft man über kurz oder lang ein neues Problem hervor. Dafür gibt es genügend Beispiele. Der Zusammenhang zwischen Wohlstand und Umweltverschmutzung ist das dominanteste Mem das mir aktuell einfällt. (Ein absurdes gefällig: Neil Postman verknüpft sogar die Erfindung/Verbreitung der Sonnenuhr durch Mönche mit den Stechuhren in den Fabriken und den unangenehmen Zuständen in diesen. Er meint dann aber auch, dass die Mönche, hätten sie diese Entwicklung vorhergesehen, diese Erfindung nie gemacht hätten. Wirr, aber so stehts in seiner Zweiten Aufklärung.)
Im Rahmen einer systemischen Herangehensweise stellt jede Problemdefinition eine selektive Interpretation der Realität dar. In der Art wie wir Probleme abstecken und festlegen, limitieren wir auch die Lösungsmöglichkeiten. Als Ergebnis wird eine bekannte Lösung auf ein wahrgenommenes Problem gepflanzt. Über kurz oder lang kommt es zu neuen Problemen, die (oft auf Grund der Verzögerung) aber nicht mit alten Lösungen in Verbindung gebracht werden. Im Fall von MiA war das Problem ohne lange Verzögerung immanent, andererseits steigt meine Beschreibung ja auch nur an einem willkürlichen Punkt ein und liefert nur eine eingeschränkte Sicht auf das Problem TV- Vorabend! Das Resultat der vermeintlichen Lösung ist jedenfalls ein neues Problem. MiA muss weg, etwas Anderes muss her und die Quoten zurückerobern.
Da sich die Programmverantwortlichen unter Stress und Erfolgsdruck in einer “problem solving treadmill” befinden ist die neue Lösung auch offensichtlich.
The problem solving treadmill leads to a condition which some define as “insanity” — doing the same thing over and over and expecting different results!
Man setzt auf Serien die schon einmal (oder zweimal) gut gelaufen sind. Erwartete Konsequenzen der Lösung? Klar, die verlorenen Schäfchen finden wieder zurück. Nicht-erwartete Konsequenzen der Lösung? Darüber macht sich niemand Gedanken, schließlich hat man ja ein Erfolgsmodell vor sich. Jedoch:
Since there is a high likelihood of an inappropriate fit between problem and solution, new unintended and unanticipated consequences often erupt, in part based on the mismatch between solution and problem.
Der Systemische Ansatz, den ich in gerne anwende, bietet hier mit seinen Feedbackschleifen, der Verbindung von Problem und Lösung, dem expliziten Blick auf unvorhergesehene Konsequenzen und dem Fokus auf die Grundannahmen die überhaupt erst zur Problemdefinition führten eine Alternative. Mal schauen wie sich der ORF aus der Tretmühle befreien kann. Welche Serie wird als nächstes ins Rennen geschickt? Kommt der Häferl-Gucker zurück? Unternehmen muss er etwas, denn lange werden sich die Werbekunden mit 7, 8, 9 oder 10 Prozent Reichweite auf ORF1 nicht abfinden, was wiederum zu geringeren Einnahmen führt, was wiederum zu neuen Problemen führt. Und da die Tretmühle keine Black Box darstellt, sondern eher eine triviale Maschine, gibt es unausweichlich eine Gebührendiskussion um die versiegenden Werbeeinnahmen auszugleichen. Dies führt zu einer Diskussion über den öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF, was wiederum Programmfragen aufwirft und womit wir wieder zum Vorabendprogramm zurückkehren.
Das meine Analyse (schon vor 4 Tagen geschrieben) den vielzitierten Nagel auf den Kopf trifft zeigt auch eine Meldung im Standard von morgen 4.9.07 in der schon von einer Anpassung der TV-Gebühren gesprochen wird.

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